Spuren der Vergangenheit

(März 2012)
Haare wehen im Wind. Die zuvor um den Kopf gezurrte Dupatta hielt nur kurz dem rauhen Fahrtwind statt. Mit dem Motorrad fahren wir eine provisorische Schotterstraße entlang. Es soll wohl mal eine richtige werden. Nach ein paar Kilometern werden die losen Kieselsteine von einer weiteren provisorischen – diesmal aber nur aus Sand bestehenden – Straße abgelöst. Ich bin froh, wie ein Bandit ein Halstuch vor dem Mund zu haben. Zähneknirschen ist nämlich nicht so meins. Nach einer weile rollen die Räde wieder auf Beton. Diese Abkürzung zu einem kleinen Ort irgendwo im Punjab hat vermutlich mehr Zeit gekostet, als der eigentliche Weg über die nächstegelegene Hauptstraße.

Wir fahren zurück in die Vergangenheit. Wir fahren nach Chak Kalan. Ein Ort mitten im Nirgendwo. Ein Ort, in dem es eigentlich nichts gibt. Ein paar kleine enge Straßen, Haus an Haus gereiht…und darunter ein besonderes: Es ist das Nanke.
Nanke – abgeleitet von Nana und Nani (Hindi: Opa und Oma). Das Haus der Großeltern mütterlicherseits.
Riesige Felder umgeben diesen kleinen Ort. Und es ist ruhig. Sehr ruhig. Fast schon sieht alles verlassen aus. Einzig das gemächliche Treiben einiger Bauarbeiter an einem Haus verrät, dass hier noch Menschen leben.
Wir stellen das Motorrad am Ortseingang ab (und mal wieder bewährt es sich, einen Kamm dabei zu haben). Frisch zurecht gerückt, schreiten wir durch die schmalen Gassen. Es ist Mittagszeit und nachwievor kaum jemand vor der Tür. Einzig das offene Tor zum Hof einer Gurdwara lässt einen Blick auf ein paar Damen des Orts erhaschen. Sie bereiten gerade Rotis (Brot) für das Langar (Speisung) zu. Eine einladende Geste müssen wir ablehnen, denn uns geht es um das gegenüberliegende Haus.

Ein Schloss an der Tür hindert ungebetene Gäste am Zutritt. Das Haus wurde vor zwei Jahren verkauft, sind die alten Bewohner doch schon längst verzogen oder gar verstorben. Die neuen Besitzer hinterlassen es aber ungenutzt. Eine Nachbarin tritt vor die Tür. Sie beobachtet uns. Wundert sich, was wir hier suchen. Suchen tun wir eigentlich nichts – vielleicht aber doch ein paar Zeitzeugen. Aber man kennt sich nicht. Und grüßt nur nett.

Ein paar schmale Straßen weiter stehen wir dann auf einem großen Platz. Früher konnte man hier Kinder spielen sehen und lachen hören. Auch eine Schaukel hing am alten, aber kräftigen Baum. Vielleicht spielen sie auch noch heute hier, wenn neben Schule und Nachmittagsunterricht noch Zeit dafür ist.
Für uns ist es aber nun Zeit das Dorf hinter uns zu lassen. Eine Seite im Buch der Vergangenheit weiterzublättern und wieder in die Gegenwart zu fahren.

Die engen Gassen von Chak Kalan.

Die Gurdwara von Chak Kalan.

Einige Damen des Dorfes haben sich im Hof der Gurdwara versammelt und bereiten das Essen für’s Langar vor.

Der scheinbar verlassene Dorfplatz von Chak Kalan.

Werbeanzeigen

Aus Alt mach Neu – 2

Aus der beliebten Rubrik 😉 – hier mal ein kleiner Beleg dafür, dass manchenorts doch Wert auf den Erhalt von historischen Gebäuden gelegt wird.
Ein Großteil des Sarai Nurmahals ist dem Verfall schon nahe. Das Haupttor „strahlt“ zwar mit seinen Reliefs noch einen Hauch von Architekturkunst aus…aber vor allem der hintere Teil des Geländes bedarf viel Mühe. Ein Anfang aber ist gemacht:

Sarai Nurmahal 2010 – es gibt einen Weg…oder eher Trampelpfad, auch die Ummauerung im Hintergrund fehlt fast komplett

Sarai Nurmahal 2012 – der Weg ist gepflastert, die Mauern von Unrat befreit und kurz vor der Restauration.

Sarai Nurmahal 2010 – ein Seitengebäude wird provisorisch gestützt. Die ersten Bauarbeiten beginnen.

Sarai Nurmahal 2012 – das Seitengebäude ist fertig restauriert.

Auf stillen Pfaden

Anfang März. Der Wecker klingelt. Es ist 5:30Uhr. Ich habe mir vorgenommen, morgens die Milch zu holen. Spätestens um 6:30Uhr muss ich los…zumindest solange hier noch „Winterzeit“ herrscht. In ein paar Wochen heißt es: noch eine Stunde früher los.
„Wie jetzt? Milch holen? Der Supermarkt macht doch vor 8Uhr nicht auf.“ mag der ein oder andere jetzt denken. Und es stimmt. Der Milchhändler um die Ecke, der auch täglich zum Beispiel frischen Paneer (Käse) herstellt, hat seine Rollläden noch lange nicht hochgefahren.
Nein, es geht um frische Milch. Frisch aus dem Euter in die Milchkanne. Die trinkt man natürlich nicht einfach so. Aufkochen, abkühlen, Rahm abschöpfen, vielleicht noch einen Lassi zubereiten oder selbst Paneer herstellen. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Wichtig aber: sie muss frisch sein.
Milch im Tetrapak? Gibt’s nur in der Werbung. Joghurt im Becher? Gibt’s nur in der Werbung….etc pp. Warum teuer kaufen, wenn es günstig selbst gemacht wird (oder zumindest günstig beim Joghurt-Spezialisten um die Ecke gekauft werden kann)…?
Aber zurück zum eigentlich Thema: Es ist nun kurz vor 6Uhr. Draussen ist es noch recht kühl. Eine Decke und eine Mütze machen aber auch den morgendlichen Spaziergang ganz angenehm.
Die Straßen sind noch leer. Straßenhunde liegen zusammengerollt vor den Haustüren, schenken sich gegenseitg Wärme. Hier und da ertönt eine Hupe. Wer nicht zu Fuß geht, kommt mit dem Roller. Nach knapp 20 Minuten bin ich beim Milchbauern angelangt. Nicht alleine, es warten schon einige Herrschaften. Aber nicht lange und ein großer Eimer warm dampfender Milch steht bereit und die kleinen Milchkannen der Kunden werden befüllt.
22 Rupien kostet ein Kilo Milch. Das sind ca. 30 Cent.
Der Weg zurück ist dann oft schon hektischer. Es sind bereits mehr Menschen unterwegs. Mehr Autos und Motorräder. Auch die ersten Händler haben ihre Geschäfte eröffnet.
Und so freue ich mich auf den nächsten nebligen Morgen, an dem die Straßen wieder so leer sein werden und die Stille alles übertönt:

Auf Safari!

In Ludhiana, eine Großstadt ca. 30min Autofahrt von Nurmahal entfernt, gibt es einen Zoo. Sogar einen Safari-Zoo :lol:. Das war mir vor 2 Jahre noch gar nicht bekannt. Durch Fotos einer Bekannte (*winke BQ*) wurde ich darauf aufmerksam. Wilde Tiger mal live sehen…warum nicht. Natürlich gibt es in Deutschland genügend Zoos und nen Tiger hab ich auch schon gesehen. Vor allem als Kind stand ein Zoobesuch regelmäßig auf dem Plan. Warum nicht aber auch mal in Indien?
Also packten wir die Kinder samt Schwägerin in’s Auto und los ging’s. Die Anlage war auch schnell gefunden. Runter von der Schnellstraße, links rein in ein Waldgebiet und schon steht man vor dem Eingang. Der Eingang ist auch gleichzeitig eine Sicherheitsschleuse.
Da dämmerte es mir schon: so wild werden die Tiger hier wohl nicht sein, wenn es ein abgeriegeltes Gebiet ist, in dem ein wackeliger Bus die interessierten Besucher durchfährt.
Der Eingang des Zoos besticht mit einem kleinen Imbiss, einem Büdchen zum Kartenkauf und einer Schleuse für den Bus.
Ich wollte ja auch schon immer mal eine indische Busfahrt genießen. Im Nachhinein bin ich froh, dass wir das doch nie so richtig in Angriff genommen haben. Beim Gedanken an die Beinfreiheit schmerzen mit direkt wieder die Knie.
Aber zurück zum Abenteuer Safari. Nach ein paar Minuten Warten kommt ein Bus aus der Schleuse. Geschätzte 20 Jahre hat das Gefährt sicherlich schon auf dem Buckel. Durch den TÜV ist es aber gekommen. Indisch motiviert strömen die Menschen nun in den Bus. Wie die U-Bahnfahrer in München immer gerne zu betonen pflegen „erst austeigen lassen, dann einsteigen“ – das hat sich bis hierin noch nicht rumgesprochen. Wir schaffen es trotzdem hinein und finden alle Platz auf einer Bank. Und dann geht die Ruckelfahrt auch schon los.
Mit dramatisch schriller Stimme warnt der Fahrer vor der gefährlichen Fahrt! Fenster sind zu schließen (es gibt Schiebefensterchen, vor denen noch Gitter angebracht sind…um die wilden Tiger abzuhalten). Zu meinem Erstaunen schließen die Leute tatsächlich die Fenster. Ich bin aber für Nervenkitzel 🙄 und lasse sie auf. Ausserdem fotografiert es sich durch die nicht-grad-gestern-gewaschene Scheibe schlecht…
Der Fahrer gibt Gas. Ich habe das Gefühl, dass wir 3x im Kreis fahren. Einmal links herum, einmal rechts und nochmal links. Wir sehen mehrere Pfauen und auch 2 Tiger. Sie wirken handsam auf mich, nicht gerade glücklich und irgendwie auch gestresst. Aber verständlich. Wenn hier alle 10min so ein lauter, stinkender Bus mit aufgeregten Menschen vorbei fährt. Da hätte ich in meinem Wohnzimmer auch keine Lust drauf 😦
Auch der Rest des Zoos macht eher einen traurigen, heruntergekommenen Eindruck. Ich bin froh, dass die Kids in den letzten Sommerferien in Abu Dhabi auch mal einen ordentlichen Zoo sehen konnten und nicht nur so etwas. Schlecht gepflegte Tiere, zu kleine Gehege…keine Highlights. Neben den Tigern blieb mir vor allem der Braunbär in Erinnerung, den man durch das enge Stahlgitter gar nicht erkennen konnte. Er hat auch ein Freilaufgehege.  Aber wann der da wohl das letzte Mal drin (bzw „draussen“) war? Irgendwie machte alles doch einen sehr verlassenen Eindruck. 😦
Abschließend noch ein paar Fotos. Ein Video werde ich noch nachreichen 🙄 .


Gesichter Indiens – 1

Ich fotografiere gerne. Vielleicht nicht unbedingt perfekt, aber dafür viel.
In Indien fällt es nicht schwer, schöne Bauten und interessante Ecken zu finden, oder einfach nur Situationen festzuhalten.
Viel lieber als „leblose“ Objekte fotografiere ich Menschen. Gesichter lassen viel Raum für Interpretationen.
Was denkt der Fotografierte gerade?
Welche Geschichte steckt hinter einem Lächeln oder grimmigen Blick?
In loser Reihenfolge werde ich nun genau solche Fotos posten.
Die Interpretation überlass ich aber euch.
****
Amritsar, Eingang zum Golden Temple, März 2012, ca. 22Uhr

Die leuchtende Stille

Der Goldene Tempel hat 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 (366) Tage im Jahr geöffnet. Es bietet für Weitangereiste Schlafplätze, für Hungrige Essen und für Gläubige eine atemberaubende Pilgerstätte.
Tagsüber schon drängen sich die Pilger über die Brücke zum Hari Mandir, um dem Guru Granth Sahib (Heilige Schrift der Sikh) ihren Respekt zu zollen. Aber auch bis zum späten Abend reißt dieser Pilgerstrom nicht ab. Insbesondere zwischen 22 bis 22:30Uhr wird es auf eine unheimliche Art laut, bevor es für Momente mucksmäuschenstill wird.
Wie ich schon berichtete, waren wir schon zur Mittagszeit im Goldenen Tempel und aßen dort beim Guru-ka-Langar. Da uns die Schlange auf der Brücke zum Hari Mandir Sahib zu lang erschien, entschlossen wir uns am Abend noch einmal eine Runde zu gehen. Diese Idee hatten viele andere auch – und ein ganz besonderer Moment wartete zu der Zeit auch noch auf uns und viele andere.
Warum? Weiterlesen

Der Grenzsoldat

Die wohl bekannteste Grenze zwischen Indien und Pakistan –
die Wagah Border.
Man vergisst bei all dem Trubel um die Grenzschließungszeremonie und Diskussionen um den Einlass (dazu sollte ich auch mal was schreiben *Knoten ins Tuch*), dass man sich letztlich doch nicht bei irgendeiner Touristenattraktion befindet, sondern an einer scharf bewachten Grenze.
Die mehr oder weniger lustig auf- und abschreitenden Soldaten, die Teil der Zeremonie sind, Sorgen dabei ganz sicher nicht für Angst und Schrecken.
Schaut man jedoch mal abseits der „Bühne“, wird einem der tatsächliche Grenzalltag zwischen Amritsar (Indien) und Lahore (Pakistan) wieder bewusst.

 

Aus Neu mach Neuer

2010 wurde in Nurmahal hinter dem Boothnath-Mandir eine neue Krishna-Statue errichtet. Sie gehört zu einem kleinen Mandir, der sich der Viehzucht und Milchwirtschaft verschrieben hat (die Anlage an sich ist riesig, mittendrin steht aber der klitzekleiner Mandir).
Damals sah die Statue noch recht „nackt“ aus, gerade hatten die Malerarbeiten begonnen. Eineinhalb Jahre später sind diese längst abgeschlossen. Weiterlesen

Hindustan zindabad!

Patriotismus pur – wer dies einmal erleben möchte, fahre an die Wagah Border. Ein wahrer Wettbewerb entbrennt am späten Nachmittag zwischen den Zuschauern auf indischer und pakistanischer Seite, bevor es losgeht mit der Grenzschließungszeremonie.
Pakistan unterliegt dabei deutlich – was nicht daran liegt, dass sie nicht ebenso hingebungsvoll ihre Slogans skandieren und Lieder mitsingen … sie sind einfach zu wenig.

(Das Foto habe ich deutlich vor Beginn der Zeremonie aufgenommen…die Ränge füllten sich noch ein wenig)
Auf indischer (und sicher auch auf pakistanischer Seite) gibt es für die richtige Stimmung auch ein ordentliches Warm-up. Eigens dafür abgestellt, hüpft ein Mitarbeiter vor den Rängen hin und her und fordert die zahlreichen Schulklassen (und davon gibt es so einige) auf, damit sie ordentlich mitklatschen, singen und auch tanzen.

Ein Highlight eines jeden Schülers (mhh….eventuelle Übertreibungen sind wie immer auch in diesem Post enthalten 😉 ) scheint es zu sein, mit der indischen Flagge vor den vollen Rängen hin und her zu rennen. Weiterlesen

Aus Alt mach Neu

Wer nach Amritsar fährt, sollte am Nachmittag ein wenig Zeit für die Grenzschließungszeremonie der Wagah Border einplanen. Beim letzten Mal (2010) kamen wir im wahrsten Sinne zu spät. Nachdem wir diesmal aber mehr als nur einen ortsunkundigen Fahrer gefragt hatten, schafften wir es überpünktlich hin. Zur Odyssee des „wer darf wo sitzen“‚ und wie es so war beim nächsten Mal mehr.

In besonderer Erinnung ist mir das Willkommensschild weit hinter der Grenze geblieben:

Auch wenn die Farben schon verblasst waren, so erkannte man links ein Blümchen und auch eine traditionel gekleidete Frau. Besonders in’s Auge (und meine Linse) stach allerdings die Kombination aus Ik Onkar (Sikhismus), Om (Hinduismus), Kreuz (Christentum) und Mondsichel (Islam) als Symbol für die Religionsvielfalt im Lande.
Daran hat sich auch 2012 nichts geändert – die Tafel hat allerdings einen neuen Anstrich verliehen bekommen. Alles ist schön bunt.  Dabei ist nach meinem Empfinden aber besonders das Symbol nicht so gelungen. Gerade die Eintönigkeit der Farben hatte dem Ganzen doch einen verschmolzenen Charakter gegeben.

Vom unfertigen Punjabi links will ich mal gar nicht erst anfangen…falls jemand mal hinfahren sollte, würde mich die „Entwicklung“ des Schilds durchaus interessieren.