Zeit zum Nachdenken

Eigentlich müsste ich jetzt von Verlobungen, Hochzeiten, dem Goldenen Tempel und sonstigen großen und kleinen Ereignissen berichten. Aber ich fange von hinten an:
der Rückreise.

An sich immer ein trauriges Ereignis. Abschiede fallen mir immer schwer – auch wenn sie nur auf (unbestimmte) Zeit sind. Beim letzten Mal wusste ich nicht, dass ich im Januar schon wieder auf indischen Boden stehen würde. Dementsprechend mau war die Stimmung. Dieses Mal war aber klar: im Oktober wird es wieder zurückgehen, die große Party soll dann steigen :lol:. Daher fiel der Abschied am Flughafen eher tränenarm und recht kurz aus (u.a. auch dem Umstand geschuldet, dass wir dank eines übernächtigten Fahrers, dem wir eine Zwangspause verordneten, kurz vor knapp ankamen).

Nach der Sicherheitskontrolle und dem obligatorischen Anstehen beim Boarding (als wenn plötzlich die Tür zugehen könnte und man nicht mehr mitkäme :roll:) ging es dann auch endlich in den Flieger – oder auch nicht. Eine gefühlte Ewigkeit standen wir noch in der Schleuse und warteten, dass im Inneren alle Vorbereitungen abgeschlossen sind. Das ging ja schon gut los! Um mal meinen Mann zu zitieren: „Ich habe immer ein mulmiges Gefühl, wenn der Pilot Inder ist.“ (FIY: er ist selbst Inder). Allerdings ging der Name des (Co-)Piloten diesmal an mir vorbei, beim Flug letzten März klang er wir Abhishek Bachchan* :lol:.

Der Flug begann eigentlich ganz entspannt. Ich mag zwar kein schlechtes Wetter beim Fliegen samt der dazugehörigen Turbulenzen. Aber eben: sie gehören dazu. Ich versuche mich dann immer mit dem (ausgesprochen üppigen) Filmprogramm abzulenken. Das klappte auch ne zeitlang sehr gut. Allerdings wurden die Turbulenzen immer schlimmer und ich gebe zu: meine Hände immer nasser. Die letzte Beruhigung liefert mir dann allerdings immer die locker-fröhlich rumlaufende Crew. Da kann das Anschnallzeichen blinken wie es mag und die Aufforderung zum Sitzenbleiben wiederholt werden: solange die Herrschaften lächelnd Getränke und Essen verteilen, ist die (Flug)Welt noch in Ordnung. So war es auch ca. 1.5 Stunden nach dem Start in Amritsar.
Die Crew hatte mehr oder minder leckeres Essen verteilt (es sollte Miniroti darstellen mir Paneer Purji :roll:), als das Flugzeug für meine bisherige Erfahrung (bis dato ca. 30 Starts und Landungen) einfach viel zu sehr durchgeschüttelt wurde. Ich konnte draußen nicht viel erkennen, wir flogen auf jeden Fall durch eine dichte Wolkendecke – und laut Fluginfo auf dem Monitor irgendwo über dem Arabischen Meer. Die meisten waren gerade fertig mit dem Frühstück, als der Pilot die Crew schroff aufforderte, sich sofort zu setzen. Der Servierwaagen wurde noch schnell aus dem Weg geräumt und der Ober-Steward forderte ebenso schroff seine Kollegin auf, sich endlich zu setzen. Der Pilot wiederholte erneut seine Aufforderung und dann geschah es: während seiner Durchsage hört man auf einmal ein aufgeregtes „Hold it! Hold it!“ und das Flugzeug geriet dermaßen in Turbulenzen, dass nicht nur mir mehr als anders wurde :oops:.

Das Licht war gedimmt, die Leuten schrieen für einen kurzen Moment vor Aufregung und Angst auf – und plötzlich war es totenstill…

Mir ist in diesem Moment bewusst geworden, wie hilflos man so einer Situation ausgeliefert ist. Und auch jetzt stimmen mich diese Ereignisse noch nachdenklich. Ich möchte – weitergesponnnen – einen Absturz nicht erleben. Nicht, weil danach höchstwahrscheinlich Schluss wäre. Aber diese aufsteigende Angst? Sekunden die zur Ewigkeit werden? Die sich anbahnende Gewisstheit „das war’s“? Nein. Dann bitte nur „Klappe zu, Affe …“ 😦

Vielleicht habe ich mich in diesem Moment auch nur in etwas hineingesteigert. Letztendlich ist ja alles gut gegangen und nach einer gefühlten Ewigkeit normalisierte sich auch die Intensität der Turbulenzen (oder auf Piloten-Englisch: heavy weather conditions) wieder.
Dennoch verbrachte ich den dann noch 2 Stunden dauernden Flug total angespannt und mit eher unkontrollierbar zitternden Beinen. Und ich gehöre nicht zu den Flugangsthasen (und da wir anschließend noch nen 6.5-stündigen Flug vor uns hatten, gab es auch keine Chancen zu einem zu werden).
Die Erholung der letzten 4 Wochen war dann jedenfalls dahin – und auch Tage danach erinnerte mich ein Muskelkater an dieses Ereignis. Und auch jetzt, wo ich es aufschreibe und alles in Gedanken nochmal durchgehe, wird mir ganz anders.

Möglicherweise war es auch ein guter Anstoß (im wahrsten Sinne), sich mal die Zeit zu nehmen und alles andere im Leben einmal zu überdenken. Mehr im Jetzt zu sein und weniger in Zukunftsträumen oder -ängsten zu verweilen, mehr zu wagen, statt 08/15 zu leben…

In diesem Sinne: Carpe diem! Kal ho naa ho! …oder so 😉

*für alle Nicht-Bollywood-Kenner: Schauspieler, Sohn von Amitabh Bachchan, mit einer herrlichen Stimme (aber mt nem total lächerlichen Video…):

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10 Gedanken zu „Zeit zum Nachdenken

  1. Och… Ich mag das Video… Und den dazugehörigen Film noch mehr… Was den Rest anbelangt… Einfach mal die Perspektive wechseln… Das Leben ist zu kurz… Ich kenn mich da aus…

  2. Ich bin froh, dass du sicher wieder gelandet bist. Und sich jeden Tag darüber zu freuen, dass man noch da ist und aus diesem Grund den Augenblick möglichst intensiv zu genießen ist sicher ein guter Vorsatz.

  3. Puh, es gibt wohl keinen, der in so einem Moment nicht das große Zittern kriegt (wobei ich eher eine aus der gelähmten Fraktion bin o_O). Schade, dass du jetzt diese schlimme Erinnerung mitnimmst! Jedenfalls ist es überstanden, wie du bestimmt schon viiiiele schlimme Sachen im Leben überstanden hast. Und nächstes Jahr ist es vielleicht nur noch eine kleine Anekdote, die in deinen schönen Hochzeitsgeschichten untergeht. 🙂

    Das Video habe ich sicherheitshalber nicht angeklickt. Ich höre gerade ein Sinfoniekonzert, da wäre der Stilbruch eventuell tödlich. 😀

    • Hast du mittlerweile die Zeit gefunden, die ABjuniors musikalischen Erguss anzuhören? 😀
      Und ich muss sagen, auf meiner „schlimme Erlebnisse“ Liste teilt es sich mit einem anderen Erlebnis direkt Platz 1 …aber danach kommt lange nix :p

  4. Ui das kenne ich. ich geriet mal beim Rückflug von kathmandu nach Doha in einen Sandsturm. Na aber Hallo, was für ein Gerumpel im Flieger. Kurz vor der Landung, zu dieser Zeit dachte ich…..der trifft nie die Landebahn, startete der Pilot durch um weiter nach Bharain zu fliegen. Wieder eine halbe Stunde durch den Sturm. Bis Ruhe war. Wir in Bharain warten mussten und mein Anschlussflieger in Doha weg war. Was mir in disem Moment echt egal war…..Ich lebte! 😉

  5. Pingback: Von Nervosität bis Neurosen | Punjabi Travels

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